Mehr als nur Bier: das Erfolgskonzept der Irish Pubs

 

Irish Pubs: Sie sind genau genommen keine Wirtshäuser, Bars oder Kneipen – auf jeden Fall aber so etwas wie verlängerte Wohnzimmer. Was steckt hinter ihrem Erfolg und warum spielen sie für das Volk von der Insel so eine zentrale Rolle?

 

Ob in München, New York oder Tokyo – weltweit wirken Irish Pubs wie liebevoll betriebene Familienunternehmen, die Gemütlichkeit, Tradition und Authentizität garantieren. Dabei wäre es selbst für einen Iren schwierig, zu erklären, warum er sein Pint Guinness im „public house“ und nicht zuhause trinkt. Am besten lässt sich die höchst erfolgreiche irische Pubkultur in dem gälischen Begriff „craic“ zusammenfassen: dieser typischen Kombination aus Essen und Trinken, Spaß und Musik, aus Gesprächen um der Gespräche willen, mit einem Barmann, der angeregt plaudert, während er ein Pint zapft.

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Das Leben im Irish Pub: nicht vergelichbar mit einer deutschen Kneipe

 

Was macht einen Pub zum Irish Pub?

Wen wundert es also, dass der Irish Pub – „good craic“ vorausgesetzt – das zweite, für nicht wenige sogar das erste Wohnzimmer der Iren ist, auch wenn die Grundausstattung oft sehr schlicht ist und sich kaum von der eines weniger frequentierten Schuppens unterscheidet: nur ein paar angeschlagene Stühle mit einem Tisch dazu, während die Dielen von Sägespänen bedeckt sind, und in einer Ecke ein trotziges Torffeuer zu wärmen versucht. Nichtsdestotrotz käme es blanker Blasphemie gleich, ein echtes Irish Pub zum Wirtshaus oder gar zur gemeinen Kneipe herabzuwürdigen, wenn auch die erwähnten Merkmale noch heute in jedem Pub zu finden sind.

 

Nur in seinem Irish Pub ist der Ire wirklich Ire

Der Irish Pub ist das verlängerte Wohnzimmer der Iren. Ähnliches behaupten mitteleuropäische Thekenanrainer auch von ihrer Schänke, doch bleibt diese Behauptung für Außenstehende gemeinhin unbegreiflich. Anders der irische Pub: Hier wird politisiert und getratscht, es werden Kontakte geknüpft und Geschäfte gemacht, es wird gelebt. Und so ganz nebenbei wird getrunken, gespielt und gesungen, bis dass die berüchtigte „Last order“ dem turbulenten Treiben eine halbe Stunde vor „closing time“ Einhalt gebietet. Natürlich trifft dieser Hinweis auf die drohende Sperrstunde jeden Gast wie ein Blitz aus heiterem Himmel, so dass er sicherheitshalber gleich noch zwei, drei Biere bestellt.

 

Was und wie bestelle ich im Irish Pub?

Überhaupt nur Bier! Das Stout-Bier (stout = stark) gilt in Irland weniger als alkoholisches Produkt denn als Grundnahrungsmittel. Drei Pints davon am Tag sollen körperliches Wohlbefinden erst möglich machen. Der Stout-Konsum der Iren lässt daher auf ein äußerst gesundheitsbewusstes Volk schließen. Das Stout, ob Guinness oder Murphy’s, fließt in den Pubs in friedlicher Koexistenz mit dem heimischen Whiskey, dessen meistgeorderte Anbieter Jameson, Paddy, Powers und Bushmills sind. Dabei wird das „round system“ zügig verinnerlicht: Jeder zahlt der Reihe nach eine Runde und verzichtet vorsichtigerweise auf Trinkgeldgabe. Dahinter steckt ein rein wirtschaftlicher Grund: aus steuertechnischen Gründen ist Alkohol im Supermarkt teurer als im Pub. Deshalb ist der Irish Pub auch des Iren Himmel auf Erden und gibt ein Beispiel für eine Wirtschaftsförderung, die unmittelbar greift.

 

Das Publikum in einem Irish Pub - eine Familie

Das Publikum im Irish Pub bildet einen repräsentativen Querschnitt durch sämtliche Schichten – Irland unter dem Mikroskop sozusagen. Man ist dort gesellig, nicht zuletzt, um ohne großes Drängen von Seiten des Fremden kleine Geschichten erzählen zu können. Die Inhalte dieser „Geschichten“ sind zuweilen zweifelhaft, was ihren Unterhaltungswert aber nicht mindert. Zum leichteren Einstieg in ein Gespräch benützt der Ire gern die Frage: „Wie viel kostet ein Pint bei euch?“ Dieses Interesse, zumal in einer Wirtschaft geäußert, ist praktisch ein offenes Angebot einer nahen Verbrüderung. Diese Freundlichkeit wird von der angenehmen Tatsache begleitet, dass Iren im bierseligen Zustand nicht zu Gewalttätigkeiten neigen. Meistens aber ist man bei solchen Pub-Besuchen sowieso kaum mehr in der Lage, dies nüchtern festzustellen...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Franz M. Braunschläger